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1.4.1 Raum und Raumbezug in Geographischen Informationssystemen

Auch wenn alle GIS Daten mit Raumbezug verarbeiten können, so gilt der Umkehrschluß nicht: Nicht alle Programme, die Daten mit Raumbezug verarbeiten können, sind GIS. So kann zwar ein CAD-Programm zum Zwecke des Entwurfs von Maschinen oder Gebäuden Daten mit Raumbezug verarbeiten, ist aber in der Regel kein GIS. Erst wenn darüber hinaus auch noch ein geographischer Raumbezug hergestellt wird, möchte ich von einem GIS sprechen.
Unter geographischem Raumbezug verstehe ich den Bezug zur Erdoberfläche. Dieser Bezug kann entweder direkt oder indirekt hergestellt sein (vgl. Abschnitt Raum und Raumbezug). Direkt wird er in Koordinaten angegeben. Dazu schreibt BARTELME:
"Für das geodätische[1] Datum, also den Bezug auf Koordinaten, die mit geodätischen Meß- und Berechnungsmethoden hergestellt wurden, ergeben sich demnach die im GIS hauptsächlich verwendeten Varianten
* geographische Koordinaten:
[Greekj], [lambda] (geographische Breite und Länge),
h (ellipsoidische Höhe) bzw. H (orthometrische Höhe)
* verebnete (ebene) Koordinaten: Ostwert, Nordwert (Gauß-Krüger, UTM oder lokal), Höhe" [Bar95], S. 59)
Diese Definition ist jedoch noch nicht ausreichend. Zum einen ist noch nicht gesagt, daß auch lokale Koordinaten einen geographischen Raumbezug aufweisen müssen. Er würde hergestellt, wenn etwa bei einer lokal auf das Hamburger Stadtgebiet bezogenen GIS-Anwendung angegeben würde, daß sich der Ursprung der verwendeten Koordinaten bei einem bestimmten Längen- und Breitengrad befindet. Auch die genannten verebneten Koordinatensysteme (Gauß-Krüger und UTM) beziehen sich letztlich wieder auf Längen- und Breitengrade.
Zum anderen ist noch etwas über den Raum selbst zu sagen, zu dem ein Bezug hergestellt wird. So ist die Erdoberfläche zwar gekrümmt, jedoch zunächst einmal lokal gut durch eine Ebene approximierbar[2]. Fehlt die Höhenangabe, so ist der Raum zweidimensional (2-D). Aber auch ein globaler Raumbezug, der sich lediglich auf Längen- und Breitengrade stützt, ist zweidimensional.
Die Angabe einer Höhe ist neben den Lagekoordinaten oft zweitrangig. "[...] ihr Charakter ist mehr der einer zusätzlichen Beschreibung (eines Attributs), während die Lageangabe oft als Zugriffskriterium (Schlüssel) verwendet wird." (s.[Bar95], S. 49 u. S. 81) Wenn die Höhe nur als ein Attribut verwendet wird, dann wird dies als zweieinhalb-dimensional (2,5-D) bezeichnet.
Wird die Höhe jedoch nicht nur als Attribut, sondern als gleichrangige Koordinate verwendet, so ergibt sich ein dreidimensionaler (3-D) Raum. Der wesentliche Unterschied zum 2,5-D-Raum ist, daß sich auch mehrere Objekte übereinander befinden können und dadurch Überhänge modelliert werden können. Ein Beispiel aus der Ausbreitungmodellierung soll diesen Unterschied verdeutlichen: Von Gebäuden in einem 2,5-D-Raum wird angenommen, daß sich ihre Grundlinien auf Erdbodenniveau befinden, was wegen der hier üblichen Bauweise zumeist als korrekt angenähert bezeichnet werden darf. Sollen aber auf Säulen stehende Gebäude modelliert werden, so ist klar, daß hier die Annahme zu falschen Ergebnissen führen muß. Auf Säulen stehende Gebäude können von der Luft auch unterströmt werden, was den Luftaustausch begünstigt. Ein 2,5-D-Raum als Modellgrundlage reicht hierfür nicht aus.[3]
Neben diesen drei Dimensionen wird auch Attributen gesagt, daß sie einen Raum bilden. Jedes Attribut spannt eine weitere Dimension des Raums auf. Attribute können kontinuierlich (Temperatur, Luftdruck) oder diskret (Personen pro Haushalt, Stockwerke pro Gebäude) sein: Ein Attributraum allein soll hier aber nicht im selben Sinne wie 2-D-Raum, 2,5-D-Raum und 3-D-Raum als ein Raum verstanden werden. Ein Attributraum schafft also keinen Raumbezug.
Indirekter Raumbezug wird in Geographischen Informationssystemen zum Beispiel durch Angaben wie Staat, Postleitzahl, Straße und Hausnummer für ein Haus hergestellt, aus denen bei bekanntem Zuordnungsschema ein direkter Raumbezug abgeleitet werden kann. Das hinter diesem Vorgang stehende Verfahren wird auch Geocoding genannt. Auch wenn indirekter Raumbezug im allgemeinen weniger exakt ist als direkter Raumbezug, so kann er durchaus hinreichend exakt sein.
Indirekter Raumbezug ist aber nur eine zusätzliche Möglichkeit des Raumbezugs neben direktem Raumbezug. Kann ein Programm nur Daten mit indirektem Raumbezug verarbeiten, wie zum Beispiel eine Adreßdatenbank, so ist es kein GIS.


[1] Die Geodäsie ist die Teildisziplin der Geographie, die sich mit Landvermessung befaßt.
[2] Wie gut, das zeigt die Geschichte: ganze Weltbilder beruhten auf der Annahme, es handele sich bei der Erde um eine Scheibe
[3] Das im Rahmen des MOBILE-Projektes von WEIHRAUCH erstellte Ausbreitungsmodell basiert auf einem 2,5-D-Raum für die Eingabe und einem 3-D-Raum für das Windfeld. (vgl. [Wei98])


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